Übersetzungen

von Otto und Eva Schönberger

Nachwort


PROKLOS PHILOSOPHOS: HYMNOI / DIE HYMNEN


Proklos und der Neuplatonismus

Grundlage der spätantiken Bewegung des Neuplatonismus war das Wiederaufleben einer pythagoreischen Strömung im 1. Jahrhundert n. Chr. Die neuen Pythagoreer strebten nach einer asketisch geordneten Lebensform und nach vertiefter Ansicht des Göttlichen, wobei sie die sinnliche Welt aus dem Übersinnlichen abzuleiten und den religiösen Glauben in ihr System einzufügen suchten. Zwischen den göttlichen Urwesen und der materiellen Welt führten sie immer neue Zwischenglieder in Form von merkwürdigen Hypostasen ein.

Eigentlicher Begründer der neuplatonischen Schule war Plotinos (geb. 204 n. Chr.), der (nach 244) als verehrter Lehrer in Rom eine Art von Orden gründete. Viermal vereinigte er sich ekstatisch mit der Gottheit. Sein System geht aus von der grundlegenden Gottesidee und mündet im Streben nach der Vereinigung mit der Gottheit. Alle Formen von Sein und Wirklichkeit werden durch das Höchste Gute, den Urgrund alles Seienden, bestimmt und erhöht.

Ein Nachfolger eigener Art war Iamblichos aus Chalkis in Syrien (um 240 – 330 n. Chr.). Er stellte über das Gute ein höheres Wesen. Erst dann kam das Gute und danach das Reich des Seins, in dem das Intelligible die Ideen darstellte und das Intellektuelle die Welt der lebenden Wesen. Zwischen das höchste Prinzip und die menschliche Seele ordnete Iamblichos eine dreifach gegliederte Zahl von göttlichen Zwischenwesen verschiedenen Ranges (rund 300 Götter) ein und suchte so den Übergang vom höchsten Prinzip bis zur sinnlichen Welt zu gliedern und den inneren Zusammenhang der Welt zu sichern. Seele und Leib des Menschen bilden eine untrennbare Einheit und können durch Gebet und Theurgie in Verbindung mit den Göttern treten.

Im vierten Jahrhundert wandte man sich wieder mehr dem Studium von Platon und Aristoteles zu. Die platonische Schule in Athen wurde zum Hauptsitz des Neuplatonismus. Dessen bedeutendster Vertreter war der in Lykien erzogene Proklos (410 – 485), der durch Gelehrtheit, logische Meisterschaft und Produktivität herausragte und das gesamte neuplatonische Lehrgut in ein methodisches System brachte. Der methodische Grundsatz von Entstehung und Entwicklung ist bei Proklos ein Dreischritt. Alles Erzeugte ist dem Erzeugenden ähnlich, aber als Abgeleitetes vom Ursprung verschieden und will sich mit diesem wieder vereinen. Die Stufen heißen: Sein, Heraustreten, Rückkehr. So entwickelt sich die Gesamtheit der Dinge in steter Wiederholung aus dem Urgrund. Der Urquell aller Entwicklung ist erhaben über alles Sein, ist höher als das Eine, ist Ursache, ohne Ursache zu sein. Zwischen diesem Ersten und dem Intelligiblen stehen bei Proklos die Einheiten (Henaden) der Zahlen, die zugleich die höchsten Güter sind. Sein und Leben werden dreifach unterteilt, das Denken siebenfach. Alle Teile werden als Götter gefaßt und jeder Gott mit einer Gottheit der Volksreligion gleichgesetzt. Dabei unterscheidet Proklos je nach Seinsstufe einen dreifachen Zeus und eine dreifache Athene. Ganz am Ende stehen Engel, Heroen und Dämonen.

Die Seele leitet Proklos aus dem Unbegrenzten (1. Triade) ab und bespricht ihre Herkunft ins Leben und ihr Schicksal. Er schreibt der Seele neben der Vernunft etwas Göttliches zu, mit dem sie das Göttliche erkennt. Ziel der Seele ist Vereinigung mit der Gottheit, die durch Glauben und innere Verbindung (Theurgie) erreichbar ist.

Proklos war ein Autor von großer Fruchtbarkeit. Er verfaßte Kommentare zu platonischen Werken (u. a. Timaios, Parmenides), behandelte aber auch in eigener Darstellung Themen wie die Existenz des Bösen oder das Wesen von Vorsehung, Schicksal, Willensfreiheit. Hinzu traten Werke über neuplatonische Metaphysik, eine Grundlegung der Theologie (Stoicheia) und die “Platonische Theologie“, sein systematisches Hauptwerk.

Zu Lehre und Schrifttum tritt bei Proklos intensive Frömmigkeit in Lebensführung und Götterverehrung, worüber Marinus in seiner Biographie „Proklos oder über die Glückseligkeit“ (Eudaimonia) berichtet. Proklos verehrte besonders die Göttin Athene, von der er geträumt hatte, sie wolle ihm verbunden sein. Die Götter sollten ihn gegen das Christentum verteidigen, das damals alles Heidnische vernichten wollte; sie sollten aber auch jeweils die metaphysischen Stufen des neuplatonischen Systems verkörpern.

Das Dichten von Götterhymnen war für Proklos tätiges Philosophieren und zugleich Theurgie. Er verehrte die Götter, bat sie um Hilfe und geistige Erhebung. Allerdings wandten sich die Hymnen nicht an das unendliche All-Eine, sondern an die Götter sozusagen mittleren Ranges. Zugleich wollte Proklos in der Schule für Gebete und gemeinsamen Gesang sorgen.

Hymnos

Schon in früheren Zeiten haben sich Menschen in Angst, Hoffnung, Dankbarkeit an Gottheiten gewandt. Anfangs geschah dies in kurzer Rede, später fand man poetisch gehobene, zum Teil feste Formen für Preis und Gebet. Gesang und Musik traten hinzu, und so entstand eine machtvolle Tradition, die bis heute anhält.

In Griechenland bieten die homerischen Epen Hinweise auf Bitten oder Preislieder; besonders die homerischen Hymnen auf Götter geben Einblick in feste Kultformen. Auch bei Hesiod finden sich hymnische Stellen. Von da an zeigen sich häufig Lieder auf Götter und Menschen, besonders bei Lyrikern, in Chorliedern der Tragödie, in Gesellschaftslyrik, bei Festen usw. Aus dem Hellenismus stammt der Zeushymnos des Stoikers Kleanthes (4./3. Jahrhundert v. Chr.), der, wie später Proklos, poetische Formen in den Dienst philosophischer Lehre stellte. Außer viel verlorener Hymnik sind aus späterer Zeit 88 Orphische Hymnen zu nennen, Kultlieder für Götter, meist mit Angabe der gebührenden Räucheropfer. Aufmerksamkeit erlangten auch hexametrische Orakelsprüche, in denen Neuplatoniker Emanationen göttlicher Weisheit sahen. Diese sogenannten Chaldäischen Orakel wurden studiert, und Proklos sagte, für ihn bräuchten beim Untergang aller Bücher nur diese Orakel und Platons Timaios erhalten zu bleiben. Schließlich folgten die Hymnen des Proklos selbst.

Gegen Ende der Antike schuf man Hymnen in kürzeren Vers-Formen, die auch das Christentum für den Kirchengesang übernahm. Hier wirkte Ambrosius von Mailand (um 333 – 397) führend, von dessen kunstvollen lateinischen Hymnen über theologische, ethische, spirituelle Themen manche immer noch im Gottesdienst gesungen werden aeterne rerum conditor, deus creator omnium; meist acht Strophen mit Endreimen). Mir ihren mittelalterlichen Nachfolgern bilden sie einen Beitrag zur Weltliteratur. Auch in das weltliche Leben fand der Hymnus Eingang in Form geselliger Lieder, Gesängen von Vereinen, Nationalhymnen.

Hymnos und Seele

Die Seele ist im Neuplatonismus durch das absolute Eins entstanden und strebt wieder zur Einheit, die zur Gottähnlichkeit führt. Leider ist die Seele durch das Vergessen ihres göttlichen Ursprunges beschädigt und muß sich von den Einflüssen der Materie zu reinigen suchen. Dabei sind die Hymnen hilfreich, während die Dämonen versuchen, sie im Trubel von Materie und Leben festzuhalten und sie hindern, sich an ihren göttlichen Ursprung zu erinnern. Gelingt jedoch diese Erinnerung, werden wir erleuchtet und gottähnlich. Proklos schildert solche Vereinigung mit Gott als Ankunft der Seele im heimischen („väterlichen“) Hafen am Ende einer gefahrvollen Lebensfahrt durch die Welt des Werdens.

Zum Gebet trat die Theurgie. Der Begriff Theurgie war gebildet worden unter Kaiser Marcus Aurelius von einem gewissen Iulianus. Dieser verstand unter Theurgie ein „Werk der Götter“, die den Gläubigern zu sich emporziehen und ihn göttergleich machen. Nicht hingegen ging es ihm um ein magisches Herabziehen der Götter zum Dienst für Menschen. Ähnlich fand Proklos ein Beispiel für göttliche Hilfe schon bei Homer (Ilias 5, 127f.) im Versprechen der Göttin Athene an Diomedes., sie wolle ihm das Dunkel vor den Augen zerstreuen und ihn mit Mut erfüllen. So sah auch Proklos beim hymnisch angerufenen Gott die Neigung zum Beter entstehen, und beim Betenden wuchs die Neigung zur Gottheit (7, 33 f.). Schon der Name eines angerufenen Gottes könnte theurgische Wirkung hervorrufen.

Auch Symbole können von Bedeutung sein, denn die Seele erkennt anhand von Zeichen, die ihr von der Gottheit bei der Geburt eingeprägt wurden, im Hymnentext Symbole und nähert sich dabei der Gottheit; so versteht sie etwa Athenes Kampf gegen die Titanen (Hymnos 7,1 f.) als Symbol des Kampfes gegen das Böse.

Proklos schuf mehr als die sieben Hymnen, die uns erhalten sind; zum Teil waren sie vielleicht Göttern gewidmet, die kaum bekannt sind. Ob die Hymnen von Anfang an Titel trugen, ist zweifelhaft.

Die sieben Hymnen gelangten (in gutem Textzustand) nach der Eroberung von Konstantinopel nach Italien und fanden dort lebhaftes Interesse. M. Ficino (1433 – 1499) schuf eine erste lateinische Übersetzung, die besonders der neuplatonischen Strömung der Renaissance entgegen kam. Zahlreiche Übersetzungen folgten, und die bis heute voranschreitende Forschung erschloß das Gesamtwerk des Proklos in beeindruckender Weise. E. Vogt bot 1959 eine weitgehend abschließende Fassung des Textes mit reichem Beiwerk, gefolgt von wichtigen Arbeiten von H. D. Saffrey zu den Hymnen und dem umfassenden Kommentar von R. M. van den Berg (2001), dem wir weitgehend verpflichtet sind. Unsere deutsche Übersetzung soll den ersten Zugang zu den Hymnen erleichtern.


Grabschrift für Proklos (Anthol. Graec. 7, 341)

Proklos war ich, von lykischer Art. Syrianos erzog mich,
daß in der Lehre ich ihm treuer Nachfolger sei.
Dieses gemeinsame Grab birgt nun die Körper von beiden,
und ein einziger Ort sei ihren Seelen vergönnt.

Ausgaben

  • Procli Hymni, her. von E. Vogt. Wiesbaden 1957.
  • Proklos, Hymnen, her. und übersetzt (italien.) von D. Giordano. Florenz 1957.
  • Proklos, Hymnen. Text. Kommentar. Übersetzung von R. M. van den Berg. Leiden 2001.
  • Orphicorum Fragmenta, her. von O. Kern. Berlin 1922.
  • Orphici Hymni, her. von G. Quandt. Berlin 1962.

Literaturhinweise

  • Beierwaltes, Werner. Proklos. Grundzüge seiner Metaphysik. 3. Aufl. Frankfurt 2014.
  • Marinos. Über das Glück. Das Leben des Proklos, her. von I. Männlein-Robert. Tübingen 2019.
  • Radek, Chlup. Proclus. An Introduction. Cambridge 2012.
  • v. Wilamowitz, Ulrich. Die Hymnen des Proklos und Synesios. SB d. Akad. Berlin 1907.
  • Zuntz, Günther, Griechische philosophische Hymnen. Tübingen 2005.

Erläuterungen

An Helios (1)

1 – 4. Anruf an Helios. 5 – 14. Kosmische Macht des Gottes. 15 – 29. Irdische Macht des Gottes. 24 – 32. Einfluß auf das Schicksal. 33 – 50. Bitten um persönliches Wohlergehen.

Die Sonne erfüllt als Zentrum des Kosmos die ganze Welt mit Leben, Vernunft und Ordnung, z.B. im Lauf der Jahreszeiten. Auch die Elemente folgen dieser Ordnung, seitdem der unnennbare Demiurg die Sonne erscheinen ließ. Die Schicksalsmächte (Moiren: Klotho, Lachesis, Atropos) weben den Schicksalsfaden durch die Bewegung der Himmelssphären. Helios aber kann als Herr der kosmischen Bewegung sogar unser eigenes Schicksal verändern. Die „Kette“ des Helios (nach Ilias 8, 19) ist Inbegriff seiner Macht; von ihr kommt auch der Gott von Musik, Ordnung, Harmonie. Ebenso stammt von Helios der Gott Paian (Ilias 5, 401), der Gesundheit schenkt und der Welt Harmonie verleiht. Auch Dionysos wird als Sohn des Helios verehrt und mit Attis und Adonis verglichen. Attis, Geliebter der Gottesmutter Rheia, entmannt und tötet sich; seine Anhänger feiern ihn orgiastisch. Adonis, Geliebter Aphrodites, stirbt auf der Jagd und darf jeweils ein halbes Jahr auf der Erde verbringen (Wiedererwachen der Natur, symbolisch für den Aufstieg der Seele). Proklos schrieb ein verlorenes Werk über Rheia und Attis; vgl. auch Macrob. 1,21.

Dämonen sind hier niedere, der Materie nahe Wesen, die unsere Seele im Trubel der Welt festhalten und am Aufstieg hindern. Helios vertreibt sie. Er ist Abbild des Einen Guten, der Ursache von allem; er erhebt die Seele und hilft ihr, nach dem Tod einer neuen Wiedergeburt im Körperlichen zu entrinnen. Daher heißt die Sonne auch „Übel abwehrend“ und erhellt mit ihrem heiligen, geistigen Licht das Dunkel der Seele.

Durch seine Allmacht kann Helios viele Bitten erfüllen und den Beter sogar vor drohendem Schicksal bewahren.

An Aphrodite (2)

1 – 13. Gebet an Aphrodite und die drei Liebesgötter. Diese sind anagogisch (erhebend), kosmisch, zeugend. 14 – 21. Bitte an die Göttin um Hilfe im Leben.

Das ganze Lied gilt den Pfeilen der Göttin Aphrodite; die Pfeile begeistern (erheben) die Seele, dienen dem Fortbestand des Kosmos und dem Erhalt der Menschheit und sollen schließlich den Dichter zum Guten lenken. Alle Pfeile gehen auf Aphrodite zurück. Die Eroten bilden die „Kette“ der Liebesgöttin. Die einen Eroten streben zum Palast der Mutter, der die Schönheit der Göttin und des Göttlichen abspiegelt. Andere erliegen der Lockung des irdischen Lebens und sorgen durch Geburt für den Fortbestand des Kosmos; die dritten sorgen für die Weiterexistenz der Menschheit.

Die mächtige Königin (und Weltseele) Aphrodite soll aber auch für Wohl und Rettung des Dichters sorgen, ihn zum Guten führen und vom Schlechten fernhalten.

An die Musen (3)

1 – 2. Anrede an die Musen. 3 – 9. Erhebende, erhöhende Wirkung der Musen. 10 – 17. Der Dichter bittet die Musen um Hilfe auf dem Weg zum Licht.

Pythagoras sah in den Musen die Schutzherrinnen der Philosophie; so ist es auch hier. Die Musen erheben ihren Anhänger über die Leidenschaften und führen ihn (wie auch Proklos) durch Riten und Bücher zum göttlichen Licht. Durch Studium heilt sich der Mensch vom Vergessen der im Jenseits gesehenen göttlichen Dinge, Die Seelen durften sich vor der Geburt (nasch Platon, Timaios 41 D) einen Steren wählen, den sie wie einen Wagen bestiegen. Wer dann in irdischen Leben (den Göttern folgend) moralisch gut gelebt hat, darf nach dem Tod zu seinem Stern zurückkehren und ein glückliches Dasein genießen, weil er im Erdenleben der „alten Spur“ des Göttlichen folgte. Vor der Geburt schon (9 f.) hatten die Seelen ihr Lebenslos gewählt; der die Wahl leitende Gott trug keine Verantwortung (Platon, Politeia 617 D), wenn sich Seelen dabei im Reich der Materie verloren.

Im zweiten Teil bittet Proklos die Musen um Hilfe im Kampf gegen die Leidenschaften. Er will der „heiligen Spur“ folgen, entflammt durch die Musen (vgl. Platon, Phaidros 245 A). Gottlose sollen Proklos nicht vom rechten Weg (der Betrachtung des Intelligiblen) abführen. Er will (im Studium) den Honig der den Musen heiligen Bienen genießen und begeisternd sprechen können (wie man es von ihm berichtete, Marinus 23).

An alle Götter (4)

1 – 4. Bitte an alle Götter um Erhebung (Begeisterung) durch Lieder. 5 – 12. Bitte um Erleuchtung und Rettung durch Bücher. 13 – 15. Bitte um Erklärung von Weihen und Mythen.

Die Götter, Führer („Steuerleute“) zur Weisheit, sollen der Seele zu begeisternder Erkenntnis des Göttlichen verhelfen und sie der dunklen Welt des Stoffes (Höhlengleichnis?) entheben, und zwar durch Hymnen. Die Götter sollen uns auch durch heilige Worte erleuchten.

Die Seele ist durch Geburt in die Materie gefallen, vergißt, was sie einst sah, und irrt umher, vom Dämon unterdrückt. Sie soll Rettung finden.

Am Ende bittet Proklos die Götter um Führung auf dem Pfad zu Einsicht und Weisheit. Das Studium heiliger (von Göttern eingegebener) Texte bildet eine Art von Kult und Einweihung in die heiligen Dinge (Wahrheiten).

An die lykische Aphrodite (5)

1 – 4. Anruf des Aphrodite-Bildes, das die Stadtväter (von Xanthos?) errichteten. 5 – 8. Verbindung der himmlischen, segensreichen Göttin Aphrodite mit Hephaistos. 9 – 11. Durch Aphrodite kommt Trefflichkeit in das Volk, auch guter Nachwuchs und Wohlstand. 12 – 15. Auch Proklos opfert.

Der Name Kuraphrodite scheint auf die Sorge der Göttin für junge Frauen (Korai) zu weisen. In der Stadt Xanthos ließen die Stadtväter aus Dankbarkeit und Vorsorge eine Statue der Aphrodite errichten (Proklos lebte als Jugendlicher in Xantos). Der Entschluß zur Stiftung der Statue wird – wie sonst etwa gute Verwaltung – göttlichem Einfluß zugeschrieben.

Die Statue zeigt in Symbolen das Zusammenwirken („Hochzeit“) der aus den Blutstropfen des Uranos entstandenen („himmlischen“) Aphrodite mit ihrem Gatten Hephaistos, wobei die Göttin die Schöpferkraft darstellt, welche die Dinge im Kosmos zusammenhält und Seelen zu Harmonie und Schönheit führt. Hephaistos hingegen tritt als Schöpfer der materiellen Dinge auf, die er mit Feuer in Bewegung setzt.

Die Göttin bewahrte die ganze Stadt mehrfach vor Epidemien und (wohl auch) Katastrophen („Giftpfeile“). Für die Einzelbürger gilt: Bei der Gattenwahl achtete man auf körperliche, geistige und moralische Trefflichkeit der (zu erwartenden) Kinder. So verlief das Leben (dank der Göttin) nicht in Heimsuchungen („Stürmen“), sondern in Windstille und Wohlstand.

Proklos gehört zu diesen Menschen. Die Göttin soll auch ihm beistehen; er bringt ihr eine sprachlich schöne Hymne dar. Die Göttin der Schönheit (vgl. 14) soll seine Seele aus dem häßlichen irdischen Treiben zum wahrhaft Schönen erheben, sie auch von den Stacheln der Leidenschaften befreien.

An Göttermutter Rheia, Hekate, Ianus (6)

1 – 3. Gruß an die drei Gottheiten. 4 – 12. Bitten um Ansehen, Wohlstand, Gesundheit. Bitte um Befreiung vom Irdischen und Weisung des Weges zu Licht und Rettung. 13 – 15. Wiederholter Anruf. – Die Adjektive im Eingang stellen die Macht (Arete) der Götter dar und wollen die Götter (fast magisch) anziehen und geneigt machen.

Rheia ist durch Kronos die Mutter mehrerer Götter (Kroniden), u. a. Hera, Hades, Poseidon geworden. Alle Kinder verschlang Kronos, doch wurde Zeus gerettet und befreite die Geschwister. Die Göttermutter Rheia tritt später als Kybele auf und wurde zur Erscheinungsform der Großen Mutter mit ihrem orgiastischen Kult. Proklos betete oft zu ihr, und die Göttin schien ihn zu begünstigen. Sie deutet hier wohl Formung und Entstehung an.

Hekate, wohl eine chthonische Gottheit, herrscht schon bei Hesiod (Theogonie 409 f.) über Erde, Meer, Himmel. Sie ist Göttin an der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits und Führerin über diese und andere Grenzen (Kreuzwege, Türen usw.). Sie wurde später Herrin über alles Zauberwesen, die Dämonen und die wilde Jagd. Proklos verehrte auch sie sehr.

Zeus ist der höchste, mächtigste Gott, der alles beherrscht. Für die Neuplatoniker ist er Schöpfer (Demiurg) und Retter der Welt. Er umfaßt das Universum und ist sein eigentlicher Erhalter. Proklos scheint den römischen doppelgesichtigen Ianus, den Gott der Ein- und Ausgänge, ja sogar des Anfanges und Endes, mit dem Demiurgen Zeus gleichzusetzen. Auch der Demiurg wirkt in zwei Richtungen: Er sieht sowohl auf die Formen (Ideen) wie auch auf den Stoff (Materie), um diesen nach den Formen zu gestalten. Ianus ist auch Urvater, weil er (neuplatonisch) Schaffensprozesse anregt (vgl. Platon, Timaios 41 A 7).

Proklos scheint die drei Göttergestalten unter dem Gesichtspunkt von Doppelseitigkeit, Verbindung und Übergang zu sehen.

An Athene, die Göttin der Klugheit (7)

1 – 6. Anruf der Göttin. 7 – 17. Ihre Taten und Werke im Kampf gegen das Irrationale. 18 – 30. Athene schenkt Tugend und Künste, besonders in Athen. 31 – 42. Bitten für die Seele. 43 – 50. Bitten um Wohlfahrt. 51 – 52. Schlußbitte.

Der Hymnos ist von Proklos wohl nach seinem Timaioskommentar (um 440) verfaßt, noch bevor die Christen die Statue der Athene aus dem Parthenon entfernten (um 470). Marinus berichtet, Athene sei Proklos im Traum erschienen und habe ihn um Zuflucht gebeten.

Athene ist als Tochter dem höchsten Gott Zeus, dem neuplatonischen Demiurgen und Alleserzeuger, besonders verbunden. Dem Zeus entsprangen durch Emanation alle Götter, er ist Beginn der einigenden „Kette“ (Seil) und Quelle aller Dinge. Athene erscheint mannhaft mit Schild und Speer und schützt alles als Erstgeborene des Zeus. Auch der goldene Helm weist auf ihre göttliche Natur.

Dem Anruf folgt die sogenannte Aretalogie, die Aufzählung von Macht und Verdiensten der Gottheit. So wird Athene sozusagen zur Fortsetzung verpflichtet. Sie ist Verkörperung der Weisheit, d.h., sie hilft den vom Demiurgen ausgehenden Formen zur Wirkung und bekämpft die Schar der Giganten (Erdsöhne), die sich den Göttern widersetzen; dies bedeutet, daß Athene gegen die Materie streitet, die sich mit den Formen unzulässig verbinden will. Das Gleiche bedeutet die Episode vom nicht gelungenen Versuch des Hephaistos, Athene zu entjungfern (9 f.).

Das nächste Bild strebt in ähnliche Richtung: Die Titanen, Mächte des Irrationalen, wollen die <Welt->Seele zerreißen, also ihrem eigenen Wesen entfremden. Athene jedoch, die den Geist verkörpert, vereitelt den Sieg des Stofflich-Materiellen und rettet das Herz (den Geist) des Dionysos. Sie bringt das Herz zu Zeus, der es erneuernd und aufbauend in sein schöpferisches Wirken als Demiurg einfügt, wodurch ein aus Semele wiedergeborener Dionysos erscheint. Das bedeutet: Die Seele wird durch den Geist (Athene) dem Stofflich-Materiellen entzogen und dem Göttlichen zugewandt und zugeführt.

Auch das nächste Beispiel hebt Athenes heilsame Macht hervor. Sie schlägt den triebhaften Hunden Hekates die Köpfe (mit einer Axt, wie bei Opfertieren) ab. Die Hunde bedeuten den irrationalen Teil unserer Seele, die Leidenschaften, die uns auf dem Weg nach oben hemmen (vgl.Platon, Politeia 588 C 7 f.). Die allsehende Hekate wird Irrende, Unbeherrschte bestrafen. Athene hingegen hilft den Seelen im Kampf gegen Materie und Leidenschaft. Sie hemmt den Einfluß des stofflichen Werdens gegenüber dem Ewigen.

18 f.: Athene fördert als Verkörperung der Tugend die Seelen durch Geist und Künste. Sie schmückt unser Leben mit Künsten (Ergane) und lehrt uns, wie Gott schöpferisch zu sein. Athen wird zur Bücherstadt. Symbol für Athenes Hilfe ist die Eroberung der Akropolis und der Stadt Athen durch die Göttin beim Streit mit ihrem Bruder Poseidon. Athene gab der Stadt auch ihren Namen, sandte edle Gesinnung und den heiligen Olivenbaum und schützte Attika vor der Rache Poseidons. Dies geschah wohl zur Zeit des mythischen Königs Kekrops.

Im Schlußgebet erwähnt Proklos heiliges Licht, das von Athenes Antlitz strahlt, ein Zeichen ihres Geistes (so auch bei Proklos). Die Göttin soll Weisheit und Liebe verleihen, die Seele soll erleuchtet werden und die (göttlichen) Ideen sehen lernen. Sie soll sich über das Irdisch-Materielle erheben, den rettenden Hafen gewinnen und zum Himmel gelangen.

Leidenschaftlich bereut Proklos seine früheren Fehler und fürchtet Sündenstrafen, vor denen Athene ihn bewahren möge. Er sei ja ihr Schützling, stehe ihr nahe. Sodann seine äußeren Lebenswünsche: Gesundheit, Freiheit von Schmerzen und gutes Leben in Staat und Familie. Der Hymnos endet mit erneuter, dringender Bitte.